MICHA.ELMUELLER

 

Unsere Gesellschaft zerstört Kreativität.

Das Turbo-Abi macht unsere Kinder zu Lernrobotern – sie schaufeln den Stoff in sich hinein und spucken ihn für Noten wieder aus. […]

Wir müssen Fächer streichen und die Lehrpläne auf ein Mindestmaß reduzieren.
Notwendig ist das eigenständige Lernen in Projekten, in denen unsere Kinder die Kompetenz entwickeln,
die sie für die Zukunft brauchen: Teamfähigkeit und soziale Verantwortung statt Ellbogenmentalität,
Kreativität und Erschließen von Zusammenhängen statt Fachidiotie, Lernen aus Interesse statt Lernen für die nächste Note.

Ulrike Köllner, in der taz vom 20.8.11

Ich beobachte in meinem Studium häufig, dass Kommilitonen die Fähigkeit fehlt im engeren Sinne kreativ zu arbeiten: Sie können Dinge nicht hinterfragen oder aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

Unser Gesellschaftssystem ist nicht darauf ausgelegt kreative Menschen zu fördern. Das System belohnt Querdenker nicht. In der Schule wird etwa der Schüler belohnt, der fremdes Gedankengut möglichst originalgetreu wiedergibt und niederschreibt. Nicht derjenige, der sich eigene Gedanken macht oder den Stoff hinterfragt.

Nikola Tesla studierte erst Mathematik, dann unter anderem Physik und Philosophie. Er studierte über Jahre hinweg an verschiedenen Universitäten und wurde zwischendurch sogar exmatrikuliert. Tesla gilt als einer der einflussreichsten Ingenieure unserer Geschichte. Wechselstrom oder Radiotechnik etwa sind seine Verdienste. Heute würde er vermutlich als Langzeitstudent abgestempelt werden. Ihm würden Vorwürfe gemacht werden, weil er nicht rechtzeitig fertig geworden ist, die Regelstudienzeit überschritten hat oder noch nicht in einer Firma arbeitet.

Würde er wohl mit solch einer Vergangenheit noch einen Studienkredit oder BAföG bekommen?

Große Wissenschaftler und Ingenieure waren oft vielfältig gebildet und auf mehreren Gebieten tätig. Oft musikalisch begabt und künstlerisch tätig. Als Schriftsteller oder Maler: Der erste Philosoph, Pythagoras, war auch einer der größten Mathematiker. Im Zuge der Industrialisierung im 20. Jahrhundert fand eine Spezialisierung der Berufe statt. Wer früher ein ganzes Auto bauen musste, muss jetzt nur noch drei Schrauben anziehen können.

Wenn ich heute Leuten erzähle, dass ich Vorlesungen höre, die ich nicht anrechnen lassen kann, können die meisten Gesprächspartner das nicht nachvollziehen. Es macht auf sie einen seltsamen Eindruck. Einige Kommilitonen von mir studieren inzwischen seit mehr als siebzehn Semestern. Ein anderer ist im neunten Bachelorsemester.

Wieso wird so etwas von einem nicht unbeträchtlichen Teil der Gesellschaft als seltsam und negativ angesehen?

In Diskussionen mit diesen Leuten habe ich immer den Eindruck, dass sie denken man würde die Gesellschaft aufhalten. Nicht zum Fortschritt beitragen. Faulenzen, nicht fleißig sein, nicht arbeiten. Den ganzen Tag irgendetwas machen, bloß nicht studieren. Meiner Ansicht nach ist diese Haltung enorm kurzsichtig! Für mich ist Studium genau das: Seine eigenen Interessen verfolgen, herausfinden was einen interessiert, fachfremde Vorlesungen hören, seinen Horizont erweitern, sich mit etwas auseinanderzusetzen ohne ein direktes kommerzielles Interesse zu verfolgen!
Letzlich ist Innovation eben nicht von jemandem zu erwarten, der nur das Nötigste lernt und das Studium überhaupt eigentlich nur hinter sich bringen will, weil er später mal ein Einkommen benötigt.

Unser Bildungssystem ist nicht darauf ausgelegt fähige Wissenschaftler, die selber nachdenken, hervorzubringen sondern Arbeitskräfte für die Wirtschaft, die nur das Nötigste zu wissen brauchen.

Dann wird eben nur gepaukt und nicht studiert.

Wieso fällt es vielen Leuten extrem schwer Dinge nicht nur herzustellen und zu kopieren, sondern komplett neu zu entwerfen. Sich neue Architekturen und Ansätze zu überlegen. Bestehendes über den Haufen zu werfen und einen komplett neuen Ansatz zu schaffen?

Weil sie es nie gelernt haben.



Flyer des Bildungsprotests, entdeckt an der Uni Ulm.
Ich finde ihn sehr passend zu diesem Beitrag.

 

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